Die Zeit nach NMN
Jun 14, 2026
Warum David Sinclair inzwischen über etwas noch Größeres spricht.
Als ich 2019 erstmals auf die Forschung von David Sinclair aufmerksam wurde, war NMN für viele Menschen noch ein völlig unbekannter Begriff. In Europa gab es kaum Berichte darüber, und wer sich für das Thema interessierte, musste wissenschaftliche Veröffentlichungen lesen oder amerikanische Podcasts verfolgen.
Heute sieht die Situation völlig anders aus. NMN ist weltweit bekannt. Millionen Menschen beschäftigen sich mit NAD+, Zellenergie und gesundem Altern. Zahlreiche Unternehmen bieten entsprechende Produkte an, und die wissenschaftliche Datenlage ist deutlich umfangreicher geworden.
Doch während viele Menschen noch darüber diskutieren, ob NMN sinnvoll ist oder nicht, hat sich die Forschung an den großen Universitäten bereits weiterbewegt.
David Sinclair spricht inzwischen über etwas, das weit über die Erhöhung von NAD+ hinausgeht.
Er spricht über die Möglichkeit, biologische Alterung direkt rückgängig zu machen.
NMN war nie das eigentliche Ziel
Wer Sinclairs Forschungsgeschichte verfolgt hat, erkennt einen interessanten Zusammenhang. NMN war für ihn nie das Endziel. NMN war vielmehr ein Werkzeug, um einen tieferen biologischen Prozess zu beeinflussen.
Über NMN steigt der NAD+-Spiegel in den Zellen. Dadurch werden unter anderem die sogenannten Sirtuine aktiviert – Enzyme, die Sinclair seit Jahrzehnten erforscht.
Diese Sirtuine spielen eine wichtige Rolle bei der Reparatur von DNA-Schäden, der Regulation von Genen und der Aufrechterhaltung zellulärer Ordnung.
NMN gehört deshalb aus meiner Sicht weiterhin zu den interessantesten Nahrungsergänzungen im Bereich der Langlebigkeitsforschung. Bemerkenswert ist, dass Sinclair selbst auch heute noch täglich NMN einnimmt. In seinem jüngsten Podcast-Interview erklärte er ausdrücklich, dass er die NMN-Strategie aus seinem Buch „Lifespan“ weiterhin verfolgt und nach wie vor täglich ein Gramm NMN verwendet. Sein Vater nehme diese Strategie ebenfalls seit mehr als zehn Jahren ein.
Die Zeit nach NMN bedeutet also keineswegs das Ende von NMN.
Sie bedeutet vielmehr, dass NMN zunehmend als Teil einer größeren Entwicklung verstanden wird.
Vom Stoffwechsel zur biologischen Information
In den ersten Jahren standen bei Sinclair vor allem Stoffwechselprozesse im Mittelpunkt.
Es ging um Kalorienrestriktion, NAD+, Sirtuine, mitochondriale Funktion und zelluläre Energieproduktion.
Heute liegt der Schwerpunkt deutlich stärker auf einer anderen Frage:
Warum verlieren Zellen mit zunehmendem Alter ihre Funktion?
Sinclairs Antwort lautet vereinfacht:
Nicht weil die DNA zwangsläufig beschädigt wird, sondern weil die Zelle zunehmend die Information verliert, wie diese DNA korrekt genutzt werden soll.
Er beschreibt Altern deshalb als einen Prozess des Informationsverlustes.
In seinem hier verlinkten aktuellen Interview erläutert er erneut seine sogenannte Informationstheorie des Alterns. Dabei vergleicht er die Situation mit einem Computer, dessen Daten zwar noch vorhanden sind, dessen Betriebssystem aber zunehmend Fehler macht. Die Gene sind oft noch da. Die Zelle verliert jedoch schrittweise die Fähigkeit, sie korrekt zu regulieren. Wenn diese Sichtweise stimmt, dann ergibt sich eine faszinierende Konsequenz:
Altern wäre nicht einfach eine Ansammlung irreparabler Schäden.
Altern wäre zumindest teilweise ein Informationsproblem.
Die eigentliche Revolution: Reprogrammierung
Genau hier beginnt die Forschung, über die Sinclair heute besonders häufig spricht.
Sein Ziel besteht nicht mehr nur darin, alternde Zellen zu unterstützen.
Sein Ziel besteht darin, alternden Zellen zu helfen, sich an ihren jüngeren Zustand zu erinnern.
Die zugrunde liegende Technologie wird häufig als epigenetische Reprogrammierung bezeichnet.
Dabei versucht man nicht, Gene auszutauschen oder künstlich neue Gene einzubauen. Stattdessen soll die Zelle ihre ursprünglichen biologischen Programme wiederfinden.
Sinclair berichtet seit Jahren über Experimente, bei denen sich Gewebe, Organe und Funktionen in Tiermodellen teilweise verjüngen ließen. Besonders bekannt wurden seine Arbeiten zur Wiederherstellung von Sehkraft bei alternden Tieren.
Im aktuellen Interview beschreibt er darüber hinaus Ergebnisse aus Untersuchungen am Gehirn. Dort seien bei alten Mäusen Verbesserungen von Lernfähigkeit und Gedächtnis beobachtet worden. Zudem berichtet er über Beobachtungen in Modellen neurodegenerativer Erkrankungen.
Für mich ist dies der eigentliche Grund, warum die aktuelle Phase der Langlebigkeitsforschung so spannend ist.
Wir erleben möglicherweise den Übergang von einer Medizin, die Alterungsfolgen verwaltet, zu einer Medizin, die biologische Alterungsprozesse direkt beeinflussen möchte.
Warum Sinclair heute optimistischer klingt als früher
Wer seine Interviews über viele Jahre verfolgt hat, bemerkt eine Veränderung.
Früher sprach Sinclair häufig darüber, was theoretisch möglich sein könnte.
Heute spricht er auffallend oft über laufende Entwicklungsprogramme und klinische Anwendungen.
Im Interview erwähnt er, dass sich entsprechende Technologien inzwischen in klinischer Entwicklung befinden und dass nun die entscheidende Phase beginne.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass der Erfolg bereits feststeht.
Die Geschichte der Medizin kennt zahlreiche vielversprechende Ansätze, die später scheiterten.
Dennoch entsteht beim Zuhören der Eindruck, dass Sinclair seine Forschung heute nicht mehr primär als interessante Theorie betrachtet.
Er wirkt vielmehr wie jemand, der glaubt, dass die entscheidenden Experimente bereits durchgeführt wurden und nun die klinische Bewährungsprobe folgt.
Wie weit könnte diese Entwicklung gehen?
Besonders bemerkenswert fand ich einen anderen Teil des Interviews.
Sinclair unterscheidet dort zwischen zwei Arten biologischer Information.
Zum einen die epigenetische Information, also jene Steuerungsmuster, die bestimmen, welche Gene aktiv sind.
Zum anderen die genetische Information selbst, also die DNA-Sequenz.
Nach seiner Einschätzung gelingt die Wiederherstellung epigenetischer Information inzwischen deutlich besser als die Reparatur verlorener genetischer Information. Genau darin sieht er heute die größte langfristige Herausforderung.
Gelinge es eines Tages, beide Probleme zu lösen, hält Sinclair Lebensspannen für denkbar, die weit über alles hinausgehen, was wir heute kennen. Er spricht dabei offen über Zeiträume von Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden.
Ob solche Visionen jemals Realität werden, kann heute niemand wissen.
Interessant ist jedoch, dass solche Überlegungen inzwischen nicht mehr aus dem Bereich der Science-Fiction stammen, sondern von einem der bekanntesten Alternsforscher der Welt diskutiert werden.
Was bedeutet das für uns heute?
Die wichtigste Botschaft lautet aus meiner Sicht:
Die Zukunft des Anti-Aging wird wahrscheinlich nicht aus immer mehr Nahrungsergänzungen bestehen.
Die Zukunft des Anti-Aging wird wahrscheinlich aus Technologien bestehen, die biologische Information wiederherstellen.
Bis diese Technologien verfügbar sind, bleibt jedoch die Frage, wie wir möglichst gesund und leistungsfähig durch die kommenden Jahre kommen.
Genau hier sehe ich weiterhin die Bedeutung von Strategien rund um NMN, Bewegung, Ernährung, Schlaf, Stressmanagement und andere wissenschaftlich begründete Ansätze.
Sinclair selbst hat NMN keineswegs aufgegeben.
Er verwendet es weiterhin täglich.
Der Unterschied besteht darin, dass NMN für ihn heute nicht mehr die Endstation der Forschung ist.
Es ist ein Baustein auf dem Weg zu etwas Größerem.
Fazit
Als wir die AFEGA Research Group gegründet haben, stand die Frage im Mittelpunkt, ob sich Alterungsprozesse überhaupt beeinflussen lassen.
Heute diskutieren führende Forscher bereits darüber, ob sich biologische Alterung möglicherweise teilweise umkehren lässt.
Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung.
Die Zeit nach NMN hat deshalb nicht begonnen, weil NMN gescheitert wäre.
Sie hat begonnen, weil die Forschung inzwischen ein noch ehrgeizigeres Ziel verfolgt.
NMN hilft möglicherweise dabei, die zelluläre Energieversorgung und wichtige Reparaturprozesse zu unterstützen.
Die nächste Generation der Forschung versucht dagegen, den biologischen Zustand der Zelle selbst zurückzusetzen.
Ob dies am Ende gelingt, wird die Zukunft zeigen.
Aber eines steht fest:
Die spannendsten Kapitel der Langlebigkeitsforschung liegen wahrscheinlich noch vor uns.